Es ist der Morgen danach. Der Kopf dröhnt, der Mund ist trocken, und beim Blick auf die Uhr stellt sich die alles entscheidende Frage: Bin ich eigentlich schon wieder fahrtüchtig? Oder allgemeiner gefragt: Wie lange braucht mein Körper wirklich, um die Sünden der letzten Nacht ungeschehen zu machen? Das Thema Alkoholabbau ist von unzähligen Mythen umrankt. Von kaltem Duschen über starken Kaffee bis hin zum fettigen Katerfrühstück – Ratschläge gibt es viele, doch die wenigsten halten einer medizinischen Überprüfung stand.
In diesem Artikel tauchen wir tief in die „Chemiefabrik“ unseres Körpers ein. Wir klären, warum die Leber keine Überstunden machen kann, wieso Frauen und Männer Alkohol so unterschiedlich verarbeiten und warum der sogenannte Restalkohol die vielleicht gefährlichste Unbekannte im Straßenverkehr ist. Vergessen Sie pauschale Aussagen; wir betrachten die biologischen Fakten.
Die unbestechliche Mathematik der Leber

Wenn es um den Abbau von Alkohol geht, ist unser Körper bemerkenswert stur. Während wir unsere Muskeln trainieren können, schneller zu laufen oder schwerer zu heben, lässt sich die Leber nicht trainieren. Sie arbeitet in einem konstanten, genetisch festgelegten Tempo, das sich durch äußere Einflüsse kaum beschleunigen lässt.
Der Standardwert: 0,1 Promille pro Stunde
Die goldene Faustregel, die in der Medizin und Verkehrspsychologie oft zitiert wird, besagt: Ein gesunder menschlicher Körper baut etwa 0,1 bis 0,15 Promille Alkohol pro Stunde ab. Dieser Wert ist jedoch keine Garantie, sondern ein Durchschnittswert. Er setzt voraus, dass die Resorptionsphase (die Aufnahme des Alkohols ins Blut) abgeschlossen ist.
Das bedeutet konkret: Wer um Mitternacht mit 1,5 Promille ins Bett geht, hat am nächsten Morgen um 7:00 Uhr – also sieben Stunden später – noch immer theoretisch zwischen 0,45 und 0,8 Promille im Blut. Ein Wert, mit dem man sich in Deutschland absolut fahruntüchtig macht und im Falle eines Unfalls den Versicherungsschutz riskiert.
Der biochemische Prozess: Ein Drei-Stufen-Plan
Um zu verstehen, warum es so lange dauert, müssen wir uns den Prozess auf molekularer Ebene ansehen. Der Alkohol (Ethanol) wird im Körper als Gift erkannt und muss schnellstmöglich eliminiert werden. Dies geschieht zu etwa 90 bis 95 Prozent in der Leber. Die restlichen 5 bis 10 Prozent werden unverändert über die Atemluft, den Urin oder die Haut ausgeschieden – daher auch die typische „Fahne“ nach dem Trinken.
Der Abbau in der Leber erfolgt in zwei Hauptschritten, gesteuert von Enzymen:
- Vom Ethanol zum Acetaldehyd: Das Enzym Alkoholdehydrogenase (ADH) spaltet den Alkohol auf. Dabei entsteht Acetaldehyd. Dieser Stoff ist für den Körper extrem toxisch – er ist hauptverantwortlich für die klassischen Kater-Symptome wie Kopfschmerzen und Übelkeit und greift Zellen und Organe an.
- Vom Acetaldehyd zur Essigsäure: Glücklicherweise greift hier sofort das zweite Enzym, die Aldehyddehydrogenase (ALDH). Es wandelt das giftige Acetaldehyd in verträgliche Essigsäure um.
- Energiebereitstellung: Die Essigsäure wird schließlich im Körper in Wasser und Kohlendioxid zerlegt und ausgeschieden, wobei Energie freigesetzt wird (daher die vielen Kalorien im Alkohol).
Das Nadelöhr in diesem Prozess ist die Verfügbarkeit der Enzyme. Sind alle ADH- und ALDH-Moleküle „besetzt“, muss der restliche Alkohol in der Warteschlange bleiben und zirkuliert weiter im Blutkreislauf. Deshalb ist der Abbau linear und nicht exponentiell.
Individuelle Faktoren: Warum jeder anders reagiert
Obwohl die 0,1-Promille-Regel ein guter Anhaltspunkt ist, ist sie nicht universell präzise. Es gibt signifikante Unterschiede zwischen Menschen, die bestimmen, wie schnell der Alkoholpegel steigt und wie effizient er wieder sinkt. Hier spielen Physiologie und Genetik die Hauptrollen.
Das Geschlecht: Der kleine Unterschied mit großer Wirkung
Es ist biologisch erwiesen, dass Frauen Alkohol in der Regel langsamer abbauen und bei gleicher Trinkmenge einen höheren Promillewert erreichen als Männer. Das hat zwei physiologische Gründe:
- Wassergehalt des Körpers: Alkohol ist wasserlöslich. Da er sich im Körperwasser verteilt, führt ein höherer Wasseranteil zu einer stärkeren Verdünnung des Alkohols. Männer bestehen zu etwa 60 bis 70 Prozent aus Wasser, Frauen hingegen nur zu etwa 50 bis 60 Prozent (dafür ist der Fettanteil höher, und Fett nimmt keinen Alkohol auf). Bei gleicher Menge Alkohol und gleichem Körpergewicht ist die Konzentration im Blut der Frau also höher.
- Enzymaktivität: Frauen besitzen oft eine geringere Menge des abbauenden Enzyms ADH im Magen. Das bedeutet, dass bei Männern ein Teil des Alkohols schon „vernichtet“ wird, bevor er überhaupt in den Blutkreislauf gelangt. Bei Frauen gelangt mehr Alkohol direkt ins Blut.
Gewicht und Körpergröße
Das Prinzip der Verdünnung gilt auch hier: Ein Mensch mit 100 Kilogramm Körpergewicht und viel Muskelmasse (die viel Wasser enthält) wird nach zwei Bieren einen niedrigeren Promillewert haben als eine Person mit 60 Kilogramm. Der Abbau selbst (die Geschwindigkeit der Leber) wird durch das Gewicht jedoch kaum beeinflusst – nur der Ausgangswert (der Peak) ist niedriger.
Genetische Besonderheiten
Einige Menschen, insbesondere aus dem ostasiatischen Raum, besitzen eine genetische Variation des Enzyms ALDH. Ihre Leber kann Alkohol zwar schnell in das giftige Acetaldehyd umwandeln, aber dieses Acetaldehyd dann nur sehr langsam abbauen. Die Folge ist der sogenannte „Asian Flush“: Das Gesicht rötet sich, Herzrasen und Übelkeit treten schon nach kleinen Mengen Alkohol auf. Bei diesen Personen ist der Abbauprozess gestört, und die toxischen Wirkungen sind viel stärker spürbar.
Mythencheck: Was hilft wirklich beim Ausnüchtern?
Hartnäckig halten sich Gerüchte darüber, wie man den Alkoholabbau beschleunigen kann. Wer kennt nicht den Tipp, einen starken Espresso zu trinken oder kalt zu duschen? Sehen wir uns die Fakten an.
Mythos 1: Kaffee macht nüchtern
Falsch. Koffein ist ein Stimulans. Es kann zwar kurzzeitig die Müdigkeit vertreiben und das subjektive Gefühl vermitteln, man sei wieder fit. Am Alkoholspiegel im Blut ändert der Kaffee jedoch absolut nichts. Die Gefahr hierbei ist die Selbstüberschätzung: Man fühlt sich wach genug zum Fahren, hat aber immer noch eine verlangsamte Reaktionszeit und einen Tunnelblick.
Mythos 2: Schwitzen (Sport oder Sauna)
Falsch. Da nur etwa 2 bis 5 Prozent des Alkohols über die Haut ausgeschieden werden, ist der Effekt von Sport oder Sauna auf den Alkoholpegel verschwindend gering. Im Gegenteil: Alkohol entzieht dem Körper Wasser (Dehydration). Wer nun intensiv Sport treibt oder in die Sauna geht, verliert noch mehr Flüssigkeit und Mineralstoffe. Das belastet den Kreislauf enorm und kann den Kater am nächsten Tag sogar verschlimmern.
Mythos 3: Fettiges Essen nach dem Trinken
Bedingt hilfreich, aber nicht für den Abbau. Wer vor dem Trinken fettig isst, sorgt dafür, dass der Alkohol langsamer ins Blut gelangt, weil der Magen beschäftigt ist. Die „Kurve“ des Rausches flacht ab. Isst man jedoch nach dem Trinken, ist der Alkohol meist schon im Blut. Das Essen hilft zwar, Elektrolyte aufzufüllen und den Magen zu beruhigen, beschleunigt aber die Arbeit der Leberenzyme nicht.
Mythos 4: Ein „Konterbier“ am Morgen
Gefährlich. Das sogenannte Reparatur-Seidl zögert den Kater nur hinaus. Es hebt den Alkoholspiegel wieder leicht an, was die Entzugserscheinungen kurz dämpft, führt aber dazu, dass der Körper noch länger braucht, um komplett giftfrei zu werden. Zudem ist dies ein klassisches Verhaltensmuster, das in eine Abhängigkeit führen kann.
Mythos 5: Schlafen
Jaein. Schlaf beschleunigt den Abbau nicht – tatsächlich arbeitet der Stoffwechsel im Schlaf sogar etwas langsamer. Aber: Schlaf ist essenziell für die Regeneration des Gehirns und der Organe. Wer schläft, überbrückt die Zeit, die die Leber ohnehin benötigt.
Die Gefahr des Restalkohols: Ein rechtliches Minenfeld
Besonders in Deutschland, dem Land der Autofahrer, ist das Thema Restalkohol heikel. Viele unterschätzen, wie lange Alkohol im Blut bleibt. Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Gefahr:
Ein Mann (80 kg) trinkt auf einer Feier von 20:00 bis 01:00 Uhr fünf halbe Liter Bier. Er könnte (grob geschätzt nach der Widmark-Formel) gegen 01:00 Uhr einen Pegel von ca. 1,5 Promille haben.
- 01:00 Uhr: 1,5 Promille. Er geht schlafen.
- 07:00 Uhr (Aufstehen): Nach 6 Stunden Schlaf wurden ca. 0,6 bis 0,9 Promille abgebaut. Er hat immer noch 0,6 bis 0,9 Promille im Blut.
- Rechtliche Konsequenz: Setzt er sich jetzt ins Auto, begeht er eine Ordnungswidrigkeit (ab 0,5 Promille) oder sogar eine Straftat (ab 1,1 Promille oder bei Ausfallerscheinungen schon ab 0,3 Promille).
Selbst wenn man sich subjektiv „gut“ fühlt, sind die Reaktionsfähigkeit und das Sehvermögen eingeschränkt. Polizeikontrollen am Morgen nach Karneval oder Firmenfeiern sind berüchtigt – und die Führerscheine, die dabei eingezogen werden, zahlreich.
Wann beginnt der Abbau eigentlich?
Ein häufiges Missverständnis ist, dass der Abbau erst beginnt, wenn man aufhört zu trinken. Das ist nicht korrekt. Die Leber beginnt mit ihrer Arbeit, sobald das erste Alkoholmolekül sie erreicht. Da wir beim Feiern jedoch meist schneller trinken („nachschütten“), als die Leber abbauen kann (Anflutung), steigt der Pegel kontinuierlich an.
Erst wenn der Zufluss stoppt (Trinkende), gewinnt die Leber langsam die Oberhand. Zuerst muss jedoch der noch im Magen und Darm befindliche Alkohol ins Blut diffundieren. Das bedeutet: Selbst nachdem man das letzte Glas geleert hat, kann der Promillewert noch 30 bis 60 Minuten lang steigen, bis das sogenannte „Resorptionsdefizit“ ausgeglichen ist. Erst dann beginnt die eigentliche Abbauphase, die wir berechnen können.
Gesundheitliche Aspekte: Was Alkoholabbau für den Körper bedeutet
Dass die Leber die Hauptlast trägt, ist bekannt. Aber der langwierige Abbauprozess hat Auswirkungen auf den gesamten Organismus.
Einfluss auf den Schlaf
Viele Menschen nutzen Alkohol als Einschlafhilfe („Schlummertrunk“). Tatsächlich schläft man mit Alkohol schneller ein, da er sedierend wirkt. Die Schlafqualität leidet jedoch massiv. Der Alkoholabbau in der Nacht führt zu einem unruhigen Schlaf, unterdrückt die wichtigen REM-Phasen (Traumschlaf) und führt zu nächtlichem Schwitzen und Harndrang. Das Ergebnis: Man wacht gerädert auf, nicht nur wegen des Katers, sondern wegen fehlender Erholung.
Einfluss auf den Muskelaufbau
Für Sportler ist Alkohol ein doppelter Feind. Er senkt den Testosteronspiegel und erhöht den Cortisolspiegel (Stresshormon). Dies ist ein kataboler (muskelabbauender) Zustand. Solange der Körper damit beschäftigt ist, das Gift Ethanol und Acetaldehyd loszuwerden, werden Regenerationsprozesse und Muskelaufbau auf Eis gelegt.
Tipps für einen verantwortungsvollen Umgang
Da wir nun wissen, dass wir den Abbau nicht beschleunigen können, ist die einzige Variable, die wir kontrollieren können, die Aufnahme.
- Grundlage schaffen: Essen Sie vor dem Trinken kohlenhydrat- und fettreich. Das verlangsamt die Aufnahme ins Blut und verhindert hohe Pegelspitzen.
- Wasser, Wasser, Wasser: Trinken Sie zu jedem Glas Alkohol ein Glas Wasser („Zwischenwasser“). Das beugt der Dehydrierung vor und bremst automatisch das Trinktempo.
- Pausen einlegen: Geben Sie Ihrer Leber eine Chance. Wer langsamer trinkt, hält den Pegel flacher.
- Vorsicht bei Mischgetränken: Zuckerhaltige Cocktails und kohlensäurehaltige Getränke (Sekt, Bier) gehen schneller ins Blut als reine Spirituosen oder Wein. Zucker maskiert zudem den Alkoholgeschmack, was zum schnelleren Trinken verleitet.
- Planung ist alles: Wenn Sie wissen, dass Sie am nächsten Morgen früh raus müssen oder Auto fahren wollen, setzen Sie sich ein striktes Limit oder verzichten Sie ganz. Die Mathematik der Leber lässt sich nicht austricksen.
Fazit: Zeit heilt alle Wunden – und baut den Alkohol ab
Die Frage „Wie schnell baut sich Alkohol ab?“ lässt sich zwar mit der Faustformel von 0,1 Promille pro Stunde beantworten, doch die biologische Realität ist komplexer. Es ist ein unnachgiebiger biochemischer Prozess, der von Enzymen gesteuert wird, die sich weder bestechen noch antreiben lassen. Wundermittel gibt es nicht.
Das Verständnis darüber, wie unser Körper arbeitet, sollte nicht dazu dienen, genau auszurechnen, wann man das letzte Bier trinken „darf“, sondern dazu, ein Bewusstsein für die Belastung zu entwickeln, der wir unseren Organismus aussetzen. Wer die Mechanismen von Absorption, Diffusion und Elimination versteht, wird vielleicht beim nächsten Mal das Glas Wasser dem dritten Glas Wein vorziehen – oder das Auto am nächsten Morgen einfach stehen lassen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn am Ende ist Geduld das einzige Mittel gegen einen hohen Promillewert.
