Die Frage „Wie viele Länder gibt es auf der Welt?“ klingt auf den ersten Blick einfach, fast schon banal. Man könnte eine schnelle, definitive Zahl erwarten. Doch wer tiefer in die Materie eintaucht, stellt fest: Die Antwort ist alles andere als eindeutig und hängt stark davon ab, wen man fragt und welche Kriterien man anlegt. Es ist eine Reise durch Politik, Geschichte, internationale Beziehungen und die Definition von Souveränität.
Stellen Sie sich vor, Sie planen eine Weltreise und möchten jedes Land besuchen. Woher wissen Sie, wann Ihre Liste vollständig ist? Ist es die Anzahl der Flaggen, die bei den Vereinten Nationen wehen? Oder gibt es da noch mehr? Begleiten Sie uns auf einer Entdeckungsreise, die Ihnen die Komplexität dieser scheinbar simplen Frage näherbringt und Ihnen zeigt, dass die Weltkarte dynamischer ist, als wir oft annehmen.
Was macht ein Land überhaupt zu einem Land?
Bevor wir uns mit Zahlen beschäftigen, müssen wir klären, was ein „Land“ im völkerrechtlichen Sinne eigentlich ausmacht. Die wohl bekannteste Definition liefert die Konvention von Montevideo aus dem Jahr 1933. Nach dieser muss ein Staat vier grundlegende Kriterien erfüllen:
- Ein definiertes Staatsgebiet: Ein Land benötigt ein klar abgegrenztes Territorium, über das es Hoheit ausübt. Die Grenzen müssen nicht unbedingt von allen Nachbarn zu 100% anerkannt sein – Grenzstreitigkeiten sind häufig –, aber es muss ein Kerngebiet geben, das unbestritten dem Staat zugeordnet wird.
- Eine ständige Bevölkerung: Innerhalb dieses Territoriums muss eine permanente Bevölkerung leben. Die Größe der Bevölkerung spielt dabei keine Rolle; es gibt sehr bevölkerungsarme Staaten und Giganten mit über einer Milliarde Einwohnern. Wichtig ist die Beständigkeit.
- Eine Regierung: Es muss eine effektive Regierungsgewalt geben, die in der Lage ist, das Staatsgebiet zu kontrollieren, öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten und die Staatsfunktionen auszuüben. Die Form der Regierung – ob Demokratie, Monarchie oder Diktatur – ist für die völkerrechtliche Definition als Staat zunächst unerheblich.
- Die Fähigkeit, Beziehungen mit anderen Staaten aufzunehmen: Dies ist ein entscheidender Punkt, der oft als Souveränität interpretiert wird. Ein Staat muss unabhängig genug sein, um auf internationaler Ebene agieren, Verträge schließen und diplomatische Beziehungen pflegen zu können, ohne von einer anderen äußeren Macht vollständig kontrolliert zu werden.

Diese Kriterien klingen logisch und nachvollziehbar. Doch die Tücke liegt oft im Detail, insbesondere beim letzten Punkt: der Fähigkeit, Beziehungen mit anderen Staaten aufzunehmen, und der damit verbundenen internationalen Anerkennung.
Die Rolle der internationalen Anerkennung: Wer entscheidet, wer ein Land ist?
Selbst wenn eine Entität alle Kriterien der Montevideo-Konvention erfüllt, wird sie nicht automatisch von allen anderen Staaten als souveränes Land anerkannt. Hier kommt die Politik ins Spiel. Die Anerkennung eines Staates ist ein politischer Akt, den jeder andere Staat für sich selbst vollzieht. Es gibt keine zentrale Weltbehörde, die verbindlich darüber entscheidet, wer ein Land ist und wer nicht.
Die Vereinten Nationen (UN) spielen hierbei eine wichtige, aber nicht alleinentscheidende Rolle. Die UN sind eine Organisation souveräner Staaten. Um Mitglied zu werden, muss ein Staat von den bestehenden Mitgliedern, insbesondere den ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrates (China, Frankreich, Russland, Vereinigtes Königreich, USA), akzeptiert werden. Eine UN-Mitgliedschaft ist ein starkes Indiz für die Anerkennung als souveräner Staat, aber sie ist weder eine Voraussetzung dafür, ein Staat zu sein, noch ist sie eine Garantie für universelle Anerkennung aller Aspekte der Staatlichkeit durch jeden einzelnen anderen Staat.
Aktuell (Stand Anfang 2025) haben die Vereinten Nationen 193 Mitgliedstaaten. Diese Zahl wird oft als die „Standardantwort“ auf die Frage nach der Anzahl der Länder der Welt genannt. Für die meisten praktischen Zwecke – von internationalen Konferenzen bis hin zu Sportveranstaltungen wie den Olympischen Spielen – ist dies die maßgebliche Zahl. Aber die Geschichte ist damit noch nicht zu Ende.
Mehr als nur die UN-Mitglieder: Beobachterstaaten und umstrittene Gebiete
Neben den 193 Vollmitgliedern gibt es bei den Vereinten Nationen auch zwei Staaten mit permanentem Beobachterstatus:
- Der Heilige Stuhl (Vatikanstadt): Der kleinste unabhängige Staat der Welt, sowohl flächen- als auch bevölkerungsmäßig. Er ist zwar kein UN-Mitglied, unterhält aber diplomatische Beziehungen zu sehr vielen Ländern und wird allgemein als souveräner Staat anerkannt. Seine Rolle ist einzigartig, da er primär das geistliche Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche repräsentiert.
- Palästina: Seit 2012 hat Palästina den Status eines UN-Beobachterstaates (Nichtmitgliedstaat). Dies war ein bedeutender diplomatischer Schritt. Palästina wird von einer Mehrheit der UN-Mitgliedstaaten (über 130 Länder) als souveräner Staat anerkannt. Allerdings gibt es gewichtige Staaten, darunter die USA und Israel, die diese Anerkennung nicht vollziehen. Der territoriale Status und die Souveränität Palästinas sind Gegenstand eines der langwierigsten und komplexesten Konflikte der Welt.
Zählt man diese beiden Beobachterstaaten hinzu, käme man auf 195 Entitäten, die von einer sehr großen Zahl von Ländern als Staaten betrachtet werden oder einen besonderen Status innerhalb der UN genießen.
Darüber hinaus gibt es eine Reihe von Gebieten, deren Status noch komplizierter und umstrittener ist:
- Taiwan (Republik China): Die Republik China, die sich nach dem chinesischen Bürgerkrieg auf die Insel Taiwan zurückzog, betrachtet sich selbst als souveränen Staat. Bis 1971 vertrat sie China bei den Vereinten Nationen. Seitdem hat die Volksrepublik China diesen Sitz inne und betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz. Nur eine kleine Anzahl von Staaten (aktuell weniger als 15) erkennt Taiwan diplomatisch an, obwohl es de facto unabhängig ist und alle Merkmale eines modernen Staates aufweist, inklusive einer eigenen Regierung, Währung und Armee. Viele Länder unterhalten inoffizielle, aber enge wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen zu Taiwan.
- Kosovo: Das Kosovo erklärte 2008 seine Unabhängigkeit von Serbien. Es wird von mehr als der Hälfte der UN-Mitgliedstaaten anerkannt, darunter Deutschland, die USA und die meisten EU-Länder. Serbien hingegen betrachtet das Kosovo weiterhin als autonome Provinz. Aufgrund des Widerstands von Ländern wie Russland und China (Verbündete Serbiens und Vetomächte im UN-Sicherheitsrat) ist eine UN-Mitgliedschaft für das Kosovo derzeit nicht erreichbar.
Diese Beispiele zeigen, dass politische Erwägungen und historische Konflikte die Frage der Staatsgründung und -anerkennung massiv beeinflussen.
De-facto-Regime: Staaten ohne breite Anerkennung
Neben den bereits genannten Fällen gibt es noch eine weitere Kategorie von Entitäten: sogenannte De-facto-Staaten. Dies sind Gebiete, die über einen längeren Zeitraum eine stabile Regierung, ein abgegrenztes Territorium und eine Bevölkerung haben – also die Kriterien der Montevideo-Konvention erfüllen –, aber international kaum oder gar nicht anerkannt werden. Oft sind sie aus Abspaltungen oder „eingefrorenen Konflikten“ hervorgegangen.
Beispiele hierfür sind:
- Abchasien und Südossetien: Beide haben sich in den frühen 1990er Jahren von Georgien losgesagt und ihre Unabhängigkeit erklärt. Sie werden nur von Russland und einer Handvoll weiterer Staaten anerkannt. Für den Großteil der Weltgemeinschaft sind sie Teile Georgiens.
- Transnistrien (Pridnestrowische Moldauische Republik): Ein schmaler Landstreifen, der sich von Moldau abgespalten hat. Transnistrien wird von keinem einzigen UN-Mitgliedstaat anerkannt, nicht einmal von Russland, obwohl es von diesem unterstützt wird. Es hat eine eigene Regierung, Währung und Armee.
- Türkische Republik Nordzypern: Entstanden nach der türkischen Militärintervention 1974, wird Nordzypern nur von der Türkei anerkannt. Die internationale Gemeinschaft betrachtet die Republik Zypern als souverän über die gesamte Insel.
- Somaliland: Diese Region im Norden Somalias erklärte 1991 ihre Unabhängigkeit und hat seitdem einen bemerkenswert stabilen und demokratischen Staat aufgebaut. Im Gegensatz zum restlichen Somalia, das von jahrzehntelangen Konflikten zerrissen ist, herrscht in Somaliland Frieden und Ordnung. Trotzdem wird es international nicht als eigener Staat anerkannt, sondern als Teil Somalias betrachtet.
- Demokratische Arabische Republik Sahara (Westsahara): Von der Frente Polisario ausgerufen und von einigen Dutzend Staaten, vor allem in Afrika und Lateinamerika, anerkannt. Große Teile des Territoriums werden jedoch von Marokko kontrolliert, das die Westsahara als Teil seines Staatsgebiets beansprucht. Der Status ist seit Jahrzehnten umstritten.
Diese De-facto-Staaten existieren in einer Art völkerrechtlichem Schwebezustand. Sie interagieren oft nur begrenzt mit der Außenwelt und sind stark von ihren Schutzmächten oder der regionalen geopolitischen Lage abhängig.
Was ist mit abhängigen Gebieten und anderen Entitäten?
Es ist auch wichtig, souveräne Staaten von abhängigen Gebieten zu unterscheiden. Es gibt zahlreiche Inseln und Territorien weltweit, die zwar eine eigene Flagge und eine gewisse Autonomie haben mögen, aber völkerrechtlich Teil eines anderen souveränen Staates sind. Beispiele hierfür sind Grönland und die Färöer-Inseln (Dänemark), Puerto Rico und Guam (USA), Bermuda und Gibraltar (Vereinigtes Königreich) oder Französisch-Polynesien (Frankreich). Diese sind keine eigenständigen Länder im Sinne der internationalen Beziehungen.
Auch Gliedstaaten von Föderationen, wie die Bundesländer in Deutschland oder die Bundesstaaten der USA, sind keine souveränen Staaten im völkerrechtlichen Sinne, auch wenn sie teilweise eigene Kompetenzen haben.
Eine kuriose Randerscheinung sind sogenannte Mikronationen. Dies sind meist von Einzelpersonen oder kleinen Gruppen ausgerufene „Staaten“, die oft nur auf dem Papier, im Internet oder auf sehr kleinem, manchmal privatem Grund existieren und international keinerlei Anerkennung finden (z.B. Sealand). Sie sind eher als soziale Experimente oder Kuriositäten zu betrachten.
Die dynamische Weltkarte: Warum sich Zahlen ändern können
Die Anzahl der Länder auf der Welt ist nicht in Stein gemeißelt. Die politische Landkarte ist ein dynamisches Gebilde, das sich im Laufe der Geschichte immer wieder verändert hat und auch in Zukunft verändern wird.
- Staaten können entstehen: Durch Sezession (Abspaltung), wie im Falle Südsudans, das 2011 nach einem langen Bürgerkrieg vom Sudan unabhängig wurde und als 193. Mitglied den Vereinten Nationen beitrat. Auch die Auflösung größerer Staaten kann zur Entstehung neuer Länder führen, wie beim Zerfall der Sowjetunion, Jugoslawiens oder der Tschechoslowakei in den frühen 1990er Jahren.
- Staaten können verschwinden: Durch Vereinigung (z.B. die deutsche Wiedervereinigung 1990, bei der die DDR der Bundesrepublik beitrat) oder durch Annexion (obwohl dies völkerrechtlich geächtet ist).
- Der Status von Gebieten kann sich ändern: Langwierige Verhandlungen oder Konflikte können zur Anerkennung oder Nichtanerkennung führen.
Ein Faktor, der in Zukunft möglicherweise die Existenz einiger Inselstaaten bedroht, ist der Klimawandel und der damit einhergehende Anstieg des Meeresspiegels. Für tief liegende Nationen wie die Malediven, Tuvalu oder Kiribati könnte dies existenzielle Folgen haben und die Frage aufwerfen, was mit einer Nation geschieht, deren Territorium verschwindet.
Warum ist die genaue Zahl überhaupt wichtig?
Die Anerkennung als souveräner Staat hat weitreichende Konsequenzen:
- Diplomatische Beziehungen: Nur anerkannte Staaten können Botschaften austauschen und vollwertige diplomatische Beziehungen unterhalten.
- Internationale Verträge und Organisationen: Die Mitgliedschaft in Organisationen wie der UN, der Weltbank oder dem Internationalen Währungsfonds ist in der Regel Staaten vorbehalten. Sie können internationale Verträge abschließen und sind Subjekte des Völkerrechts.
- Wirtschaftliche Aspekte: Anerkennung erleichtert Handel, Investitionen und den Zugang zu internationalen Finanzmärkten.
- Reisefreiheit und Identität: Die Anerkennung eines Passes, Visa-Regelungen und das Gefühl nationaler Identität sind eng mit dem Status als Land verbunden.
Fazit: Eine Zahl mit vielen Facetten
Zurück zu unserer Ausgangsfrage: Wie viele Länder gibt es nun auf der Welt? Wie Sie gesehen haben, gibt es keine einfache, universell gültige Antwort.
- Wenn Sie die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen meinen, dann sind es 193. Dies ist die am häufigsten verwendete und praktisch relevanteste Zahl.
- Zählt man die UN-Beobachterstaaten Vatikanstadt und Palästina hinzu, die von vielen als souverän betrachtet werden, kommt man auf 195.
- Bezieht man Taiwan mit ein, dessen Status hoch umstritten ist, aber das de facto unabhängig agiert, wären es 196.
- Nimmt man Kosovo hinzu, das von über 100 UN-Staaten anerkannt wird, wären es 197.
- Und dann gibt es noch die Gruppe der De-facto-Staaten mit begrenzter oder keiner internationalen Anerkennung, die die Zahl weiter erhöhen würden, je nachdem, welche man mitzählt (z.B. Abchasien, Südossetien, Transnistrien, Nordzypern, Somaliland, Westsahara). Hier wird es sehr unübersichtlich, und eine allgemeingültige Zahl ist kaum zu nennen. Manche Listen gehen bis zu 205 oder mehr, wenn man versucht, alle halbwegs etablierten, aber nicht breit anerkannten Entitäten zu erfassen.
Die Frage nach der Anzahl der Länder ist also weniger eine Frage der reinen Zählung als vielmehr eine Frage der Definition, der politischen Realitäten und der internationalen Anerkennung. Sie lehrt uns, dass die Welt komplex ist und dass hinter einfachen Zahlen oft komplizierte Geschichten und menschliche Schicksale stehen. Die Weltkarte ist kein statisches Bild, sondern ein fortwährendes Mosaik im Wandel. Anstatt eine einzige Zahl zu suchen, ist es vielleicht spannender, die Vielfalt und die Dynamik zu verstehen, die unsere globale Gemeinschaft ausmachen.
