Der Oktopus, ein Wesen der Tiefsee, das uns Menschen seit jeher mit seiner Intelligenz, seiner Anpassungsfähigkeit und seinem mysteriösen Aussehen fasziniert. Wer hat nicht schon einmal gebannt Dokumentationen verfolgt, in denen diese achtarmigen Meeresbewohner ihre Tarnkünste unter Beweis stellen, komplexe Probleme lösen oder neugierig ihre Umgebung erkunden? Doch abseits dieser bekannten Fähigkeiten verbirgt sich im Inneren des Oktopus eine anatomische Besonderheit, die ihn von den meisten anderen Tieren grundlegend unterscheidet und eine Schlüsselfrage aufwirft: Wie viele Herzen hat ein Oktopus eigentlich?
Die Antwort mag überraschen, denn während wir Menschen und die meisten Säugetiere mit einem einzigen, kräftigen Herzen ausgestattet sind, das unseren Körper unermüdlich mit Blut versorgt, hat sich die Natur für den Oktopus eine andere, komplexere Lösung einfallen lassen. Ein Oktopus besitzt nicht nur ein, auch nicht zwei, sondern gleich drei Herzen! Diese erstaunliche Tatsache wirft sofort weitere Fragen auf: Warum benötigt ein Oktopus so viele Herzen? Welche Aufgaben erfüllen sie jeweils? Und wie funktioniert dieses mehrherzige System im täglichen Leben des Tieres? Begleiten Sie uns auf eine spannende Entdeckungsreise in die Welt der oktopodialen Kardiologie.
Die verblüffende Wahrheit: Drei Herzen für ein Weichtier
Stellen Sie sich vor, Sie hätten nicht nur einen Motor, sondern gleich drei, die dafür sorgen, dass Ihr Körper optimal funktioniert. Genau das ist beim Oktopus der Fall. Diese drei Herzen sind nicht etwa identische Kopien, sondern haben spezialisierte Aufgaben innerhalb des komplexen Kreislaufsystems dieses Kopffüßers.
Man unterscheidet zwischen einem zentralen Hauptherzen, dem sogenannten Systemherz oder Körperherz, und zwei kleineren, aber ebenso wichtigen Herzen, den Kiemenherzen. Diese Aufteilung ist kein Zufall, sondern eine brillante evolutionäre Anpassung an die besonderen Lebensbedingungen und die Physiologie des Oktopus, insbesondere an seine bläuliche Blutzusammensetzung und seinen aktiven Lebensstil.
Das Systemherz (Körperherz): Der Hauptmotor für den Organismus

Das Systemherz ist das größte und kräftigste der drei Herzen. Seine Hauptaufgabe besteht darin, das mit Sauerstoff angereicherte Blut, das von den Kiemen kommt, in den gesamten Körper des Oktopus zu pumpen. Es versorgt also die Organe, Muskeln und das erstaunlich komplexe Gehirn mit dem lebensnotwendigen Sauerstoff und den Nährstoffen, die für die hohe Aktivität und die beeindruckenden kognitiven Fähigkeiten des Tieres erforderlich sind.
Eine wirklich erstaunliche und fast schon paradoxe Eigenschaft des Systemherzens ist jedoch, dass es seine Arbeit einstellt, wenn der Oktopus schwimmt! Ja, Sie haben richtig gelesen. Während schneller, jet-ähnlicher Schwimmbewegungen, bei denen der Oktopus Wasser aus seiner Mantelhöhle presst, um sich fortzubewegen, pausiert das Systemherz. Der genaue Grund dafür ist noch Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen, aber man vermutet, dass der hohe Druck, der beim Schwimmen in der Mantelhöhle entsteht, das Herz zu stark belasten würde. Diese „Schwimmpause“ führt dazu, dass Oktopoden sich nach einer Phase intensiven Schwimmens schnell erschöpfen und lieber kriechen oder nur kurze Strecken schwimmen. Das Kriechen auf ihren acht Armen ist für sie energetisch deutlich günstiger und belastet ihr Kreislaufsystem weniger.
Die Kiemenherzen: Zwei unermüdliche Helfer für die Atmung
Neben dem Systemherz besitzt jeder Oktopus zwei Kiemenherzen. Wie der Name schon vermuten lässt, stehen diese Herzen in direktem Zusammenhang mit den Kiemen, den Atmungsorganen des Oktopus. Jeder der beiden Kiemen ist ein Kiemenherz zugeordnet. Ihre Aufgabe ist es, das sauerstoffarme Blut, das aus dem Körper zurückfließt, durch die feinen Kapillaren der Kiemen zu pumpen.
In den Kiemen findet dann der Gasaustausch statt: Kohlendioxid wird an das umgebende Wasser abgegeben, und frischer Sauerstoff wird aus dem Wasser aufgenommen und an das Blut gebunden. Das nun wieder sauerstoffreiche Blut fließt von den Kiemen dann nicht direkt zurück in den Körper, sondern wird zuerst zum Systemherz geleitet, welches dann, wie bereits beschrieben, die Verteilung im gesamten Organismus übernimmt. Die Kiemenherzen sorgen also für einen kontinuierlichen und effizienten Blutfluss durch die Atmungsorgane und stellen sicher, dass immer genügend Sauerstoff für das Systemherz zur Verfügung steht.
Warum diese komplexe Anordnung? Der evolutionäre und physiologische Hintergrund
Die Existenz von drei Herzen beim Oktopus ist kein bloßer Spleen der Natur, sondern eine tiefgreifende Anpassung an seine einzigartige Physiologie und seine Lebensweise. Mehrere Faktoren spielen hier eine entscheidende Rolle.
Blaues Blut: Eine Besonderheit mit Konsequenzen für den Sauerstofftransport
Das Blut von Oktopoden unterscheidet sich fundamental von dem der Säugetiere. Während unser Blut durch den eisenhaltigen roten Blutfarbstoff Hämoglobin seine Farbe erhält und Sauerstoff transportiert, nutzen Oktopoden und andere Kopffüßer ein kupferhaltiges Protein namens Hämocyanin. Wenn Hämocyanin Sauerstoff bindet, färbt es sich blau – daher spricht man oft vom „blauen Blut“ der Oktopoden. Ist es sauerstoffarm, ist es farblos.
Hämocyanin hat im Vergleich zu Hämoglobin einige Nachteile. Es ist weniger effizient bei der Bindung und dem Transport von Sauerstoff, insbesondere in warmen oder sauerstoffarmen Gewässern. Um diesen Nachteil auszugleichen und trotzdem eine ausreichende Sauerstoffversorgung für ihren aktiven Lebensstil und ihr großes Gehirn sicherzustellen, benötigen Oktopoden ein leistungsfähigeres Kreislaufsystem. Die drei Herzen helfen dabei, den notwendigen Druck und Fluss aufrechtzuerhalten, um das weniger effiziente Hämocyanin effektiv im Körper zu verteilen und die Kiemen optimal mit Blut zu versorgen. Die Kiemenherzen geben dem Blut einen zusätzlichen „Schub“, bevor es die Kiemen passiert, was den Sauerstoffaufnahmeprozess optimiert.
Der immense Bedarf an Sauerstoff: Energie für Jäger und Denker
Oktopoden sind keine passiven Meeresbewohner. Sie sind aktive Jäger, die ihre Beute verfolgen, überraschen und überwältigen. Ihre Fähigkeit zur Tarnung, ihre schnellen Bewegungen und der Einsatz ihrer acht Arme erfordern viel Energie und somit viel Sauerstoff. Noch wichtiger ist vielleicht der Sauerstoffbedarf ihres bemerkenswert großen und komplexen Nervensystems. Oktopoden gelten als die intelligentesten wirbellosen Tiere auf unserem Planeten. Ihr Gehirn, das proportional zu ihrer Körpergröße erstaunlich entwickelt ist, ermöglicht ihnen komplexes Lernen, Problemlösungsfähigkeiten und ein beeindruckendes Gedächtnis. Ein solch leistungsfähiges Gehirn ist ein wahrer Energiefresser und benötigt eine konstante und reichliche Zufuhr von Sauerstoff – eine Aufgabe, die das Dreikammersystem hervorragend meistert.
Zudem leben einige Oktopusarten auch in tieferen Wasserschichten, wo der Sauerstoffgehalt tendenziell geringer sein kann. Ein effizientes Kreislaufsystem ist hier überlebenswichtig.
Druckverhältnisse und Viskosität des Blutes
Das Blut von Oktopoden ist aufgrund des gelösten Hämocyanins auch viskoser (zähflüssiger) als das Blut von Wirbeltieren. Um dieses dickere Blut durch den Körper zu pumpen, ist ein höherer Druck erforderlich. Die Aufteilung der Pumpleistung auf drei Herzen, insbesondere die Vorverdichtung durch die Kiemenherzen, bevor das Blut das Systemherz erreicht, hilft dabei, diesen höheren Druck effizienter zu erzeugen und aufrechtzuerhalten, ohne ein einzelnes Herz übermäßig zu belasten.
Ein Meisterwerk der Natur: Wie die drei Herzen präzise zusammenarbeiten
Das Zusammenspiel der drei Herzen ist ein fein abgestimmter Prozess. Das sauerstoffarme Blut aus dem Körper sammelt sich und wird von den beiden Kiemenherzen aufgenommen. Diese pumpen es kraftvoll durch die jeweiligen Kiemen. Hier wird das Blut, wie bereits erwähnt, mit frischem Sauerstoff angereichert. Anschließend fließt das nun sauerstoffreiche, hellblaue Blut zum zentralen Systemherz. Dieses kräftige Herz wiederum hat die Aufgabe, das Blut mit ausreichend Druck in den gesamten Körperkreislauf zu befördern, um alle Organe, Muskeln und das Gehirn zu versorgen. Nachdem der Sauerstoff in den Geweben abgegeben wurde, fließt das sauerstoffarme, nun farblose Blut zurück zu den Kiemenherzen, und der Zyklus beginnt von Neuem.
Die bereits erwähnte „Schwimmpause“ des Systemherzens ist eine faszinierende Anpassung. Während der Oktopus durch schnelles Ausstoßen von Wasser Vortrieb erzeugt (Rückstoßprinzip), wird der Druck in der Mantelhöhle, in der sich auch das Systemherz befindet, sehr hoch. Um eine Schädigung oder Überlastung des Systemherzens zu verhindern, stellt es während dieser kurzen Phasen intensiver Fortbewegung seine Tätigkeit ein. Die Kiemenherzen arbeiten jedoch weiter, um die Sauerstoffversorgung der Kiemen sicherzustellen. Dies erklärt, warum Oktopoden sich nach solchen Sprints oft erschöpft fühlen und dazu neigen, sich eher kriechend fortzubewegen oder nur über kurze Distanzen zu schwimmen. Ihr Körper erhält während des schnellen Schwimmens keine neue Ladung sauerstoffreichen Blutes vom Systemherz. Das Kriechen ist für sie eine weitaus energieeffizientere Methode der Fortbewegung.
Mehr als nur Pumpen: Weitere faszinierende Aspekte des Oktopus-Kreislaufs
Das Kreislaufsystem des Oktopus ist nicht nur wegen seiner drei Herzen bemerkenswert. Es zeigt auch eine hohe Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Umweltbedingungen. So kann die Herzfrequenz je nach Temperatur, Sauerstoffgehalt des Wassers und Aktivitätslevel des Tieres variieren. Interessanterweise ist die Lebensspanne von Oktopoden oft relativ kurz, meist nur ein bis zwei Jahre, bei einigen Arten auch nur wenige Monate, bei anderen bis zu fünf Jahre. Ihre Herzen sind jedoch so konstruiert, dass sie während dieser Zeit zuverlässig arbeiten. Spezifische Herzkrankheiten bei Oktopoden sind in der wissenschaftlichen Literatur weniger detailliert beschrieben als bei Wirbeltieren, was auch an der kürzeren Lebensspanne und den anderen Forschungsschwerpunkten liegen mag. Man geht aber davon aus, dass ein gesundes Kreislaufsystem entscheidend für ihr Überleben und ihre Fortpflanzung ist.
Nicht allein im Club der Dreifachherzen: Ein Blick auf andere Kopffüßer
Der Oktopus ist nicht das einzige Tier mit drei Herzen. Tatsächlich ist dies ein gemeinsames Merkmal der meisten Kopffüßer (Cephalopoden). Auch seine nahen Verwandten, die Tintenfische (Sepien) und Kalmare, besitzen in der Regel ebenfalls zwei Kiemenherzen und ein Systemherz. Dieses evolutionäre Design hat sich also innerhalb dieser Tiergruppe als äußerst erfolgreich erwiesen. Der Nautilus, oft als „lebendes Fossil“ bezeichnet und ebenfalls ein Kopffüßer, weicht hiervon leicht ab und besitzt zwar kein klassisches Systemherz in der Form, aber ebenfalls Mechanismen zur Blutzirkulation, die an seine spezielle, weniger aktive Lebensweise angepasst sind. Die Ähnlichkeit im Herzaufbau bei Oktopus, Tintenfisch und Kalmar unterstreicht die Effizienz dieses Systems für aktive, räuberische Weichtiere mit einem hohen Sauerstoffbedarf.
Im Vergleich dazu erscheint das einzelne Herz der Wirbeltiere, inklusive des Menschen, geradezu schlicht. Doch auch dieses System ist hoch effizient und an unsere Physiologie mit Hämoglobin-basiertem Sauerstofftransport perfekt angepasst. Es zeigt einmal mehr, wie vielfältig die Lösungen der Evolution für ähnliche Herausforderungen sein können.
Die Intelligenz der Oktopoden: Steht sie im direkten Zusammenhang mit ihrem effizienten Kreislaufsystem?
Die außergewöhnliche Intelligenz der Oktopoden ist legendär. Sie können Werkzeuge benutzen, komplexe Labyrinthe meistern, Artgenossen und sogar Menschen individuell erkennen und zeigen ausgeprägte Lernfähigkeiten. Ein so großes und aktives Gehirn, wie es Oktopoden besitzen, hat einen enormen Energie- und damit Sauerstoffhunger. Es ist daher naheliegend, einen Zusammenhang zwischen ihrem hochentwickelten Kreislaufsystem mit drei Herzen und ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit zu vermuten.
Eine konstante und reichliche Versorgung des Gehirns mit sauerstoffreichem Blut ist die Grundvoraussetzung für komplexe neuronale Prozesse. Die drei Herzen des Oktopus gewährleisten genau dies, zumindest im Ruhezustand oder bei langsamer Fortbewegung. Obwohl das Systemherz beim schnellen Schwimmen pausiert, was eine Limitierung darstellt, ermöglicht die generelle Effizienz des Systems die Aufrechterhaltung eines so energieintensiven Organs wie des Oktopusgehirns. Wissenschaftler erforschen weiterhin intensiv die genauen Zusammenhänge zwischen Physiologie, Stoffwechsel und Intelligenz bei diesen faszinierenden Tieren. Es ist gut denkbar, dass die Evolution eines solch leistungsfähigen Kreislaufsystems eine der Schlüsselbedingungen für die Entwicklung ihrer beeindruckenden kognitiven Fähigkeiten war.
Zusammenfassung und Ausblick: Das Wunder der drei Herzen als Meisterleistung der Evolution
Die Frage „Wie viele Herzen hat ein Oktopus?“ führt uns also zu einer erstaunlichen Antwort: Drei. Ein großes Systemherz für den Körperkreislauf und zwei kleinere Kiemenherzen zur Unterstützung der Atmung. Diese einzigartige anatomische Ausstattung ist kein Zufall, sondern eine hochentwickelte Anpassung an die besonderen Anforderungen, die das Leben als aktiver, intelligenter Meeresräuber mit sich bringt. Das kupferhaltige, blaue Blut (Hämocyanin), das weniger effizient Sauerstoff transportiert als unser Hämoglobin, der hohe Sauerstoffbedarf des großen Gehirns und der Muskeln sowie die Notwendigkeit, auch in potenziell sauerstoffärmeren Umgebungen zu überleben, haben zur Evolution dieses komplexen Dreifach-Herz-Systems geführt.
Das Pausieren des Systemherzens während des Schwimmens mag zunächst als Nachteil erscheinen, unterstreicht aber die komplexen Kompromisse, die die Evolution eingeht. Es zeigt, wie der Oktopus seine Energie strategisch einsetzt und Fortbewegungsarten wie das Kriechen bevorzugt, um sein Kreislaufsystem nicht übermäßig zu belasten.
Die Oktopoden sind wahrhaftige Wunder der Natur. Ihre drei Herzen sind nur ein Beispiel für die unglaubliche Vielfalt und Genialität biologischer Anpassungen auf unserem Planeten. Die Erforschung dieser faszinierenden Tiere liefert uns nicht nur spannende Einblicke in fremde Lebenswelten, sondern hilft uns auch, die grundlegenden Prinzipien von Physiologie und Evolution besser zu verstehen. Der Schutz der Oktopoden und ihrer marinen Lebensräume ist daher nicht nur eine Frage des Artenschutzes, sondern auch eine Investition in das Wissen über das Leben selbst. Mögen uns diese intelligenten, dreifach beherzten Wesen noch lange mit ihren Geheimnissen und Fähigkeiten in Staunen versetzen.
