Die Frage „Wann hat Corona angefangen?“ klingt einfach, doch die Antwort ist komplexer, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Es gibt nicht den einen, klar definierten Tag, an dem alles begann. Vielmehr war es ein schleichender Prozess, ein Virus, das sich zunächst unbemerkt ausbreitete, bevor es die Welt in Atem hielt. Wenn wir versuchen, den Ursprung der COVID-19-Pandemie zurückzuverfolgen, stoßen wir auf ein Puzzle aus offiziellen Meldungen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und retrospektiven Analysen, das bis heute nicht lückenlos zusammengesetzt ist.
Die offiziellen Meilensteine: Dezember 2019 und Januar 2020
Offiziell beginnt die Geschichte von COVID-19 Ende Dezember 2019 in der chinesischen Metropole Wuhan, Hauptstadt der Provinz Hubei. Am 31. Dezember 2019 informierten die chinesischen Behörden das Länderbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in China über eine Häufung von Lungenentzündungen unbekannter Ursache in Wuhan. Viele der ersten gemeldeten Fälle standen in Verbindung mit dem Huanan Seafood Wholesale Market, einem großen Markt, auf dem neben Meeresfrüchten auch lebende Wildtiere gehandelt wurden. Dies nährte früh den Verdacht, dass das Virus von einem Tier auf den Menschen übergesprungen sein könnte (eine sogenannte Zoonose).
Die Symptome der Patienten ähnelten einer viralen Lungenentzündung: Fieber, trockener Husten, Atembeschwerden. Da die Ursache unbekannt war und die Fälle sich häuften, löste dies international Besorgnis aus. Die Behörden in Wuhan reagierten schnell: Der Huanan-Markt wurde bereits am 1. Januar 2020 geschlossen und desinfiziert. Dies war eine der ersten sichtbaren Maßnahmen zur Eindämmung des Ausbruchs.
In den ersten Januartagen 2020 arbeiteten chinesische Wissenschaftler unter Hochdruck daran, den Erreger zu identifizieren. Bereits am 7. Januar 2020 gaben sie bekannt, ein neuartiges Coronavirus als Ursache identifiziert zu haben. Dieses Virus unterschied sich von bereits bekannten Coronaviren wie SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) und MERS (Middle East Respiratory Syndrome). Es erhielt zunächst die vorläufige Bezeichnung 2019-nCoV (für 2019 novel Coronavirus) und wurde später von der WHO offiziell SARS-CoV-2 getauft. Die durch das Virus verursachte Krankheit bekam den Namen COVID-19 (Corona Virus Disease 2019).

Am 11. und 12. Januar 2020 teilten die chinesischen Behörden die Gensequenz des neuen Virus mit der Weltgesundheitsorganisation und der globalen wissenschaftlichen Gemeinschaft. Dies war ein entscheidender Schritt, der es Laboren weltweit ermöglichte, eigene Tests zum Nachweis des Virus zu entwickeln und mit der Forschung an Impfstoffen und Behandlungsmethoden zu beginnen.
Gab es frühere Anzeichen? Die Suche nach Patient Null
Während der 31. Dezember 2019 als das Datum gilt, an dem die Welt offiziell auf das neue Virus aufmerksam wurde, deuten viele Hinweise und spätere Studien darauf hin, dass SARS-CoV-2 bereits Wochen, vielleicht sogar Monate zuvor unter Menschen zirkulierte. Die Suche nach dem sogenannten „Patient Null“, also der ersten Person, die sich mit dem Virus infizierte, gestaltet sich jedoch extrem schwierig.
Retrospektive Analysen von Krankenhausdaten und Proben in China und anderen Ländern haben versucht, frühere Fälle aufzudecken. Einige Berichte und Studien legten nahe, dass es bereits im November 2019, möglicherweise sogar schon im Oktober, vereinzelte Fälle in der Provinz Hubei gegeben haben könnte. Diese frühen Fälle wären wahrscheinlich als schwere Grippe oder atypische Lungenentzündung fehldiagnostiziert worden, da niemand nach einem völlig neuen Virus suchte.
Eine Herausforderung bei dieser Rückverfolgung ist, dass die frühen Symptome von COVID-19 unspezifisch sein können und leicht mit anderen Atemwegserkrankungen verwechselt werden. Zudem verläuft ein signifikanter Anteil der Infektionen mild oder sogar asymptomatisch, was bedeutet, dass viele frühe Übertragungsketten unentdeckt geblieben sein könnten.
Es gibt auch wissenschaftliche Modelle, die basierend auf der genetischen Vielfalt des Virus versuchen, den Zeitpunkt des ursprünglichen Übergangs vom Tier auf den Menschen zu schätzen. Einige dieser Modelle deuten ebenfalls auf einen möglichen Beginn der Zirkulation im Spätherbst 2019 hin.
Es ist wichtig zu betonen, dass diese Hinweise auf frühere Fälle oft auf indirekten Beweisen oder Modellierungen beruhen und nicht immer eindeutig bestätigt werden können. Die offizielle, durch Labortests gesicherte und gemeldete Chronologie beginnt nach wie vor Ende Dezember 2019 in Wuhan.
Wuhan: Das Epizentrum des Ausbruchs
Die Stadt Wuhan mit ihren über 11 Millionen Einwohnern wurde unfreiwillig zum Symbol für den Beginn der Pandemie. Die Verbindung vieler früher Fälle zum Huanan-Markt lenkte den Fokus auf diesen Ort. Die Theorie des zoonotischen Ursprungs besagt, dass das Virus von Fledermäusen – die als natürliches Reservoir vieler Coronaviren gelten – möglicherweise über ein anderes Tier (einen sogenannten Zwischenwirt) auf dem Markt auf den Menschen übergesprungen ist. Welches Tier dieser Zwischenwirt gewesen sein könnte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Marderhunde, Schleichkatzen oder andere auf dem Markt gehandelte Wildtiere wurden diskutiert.
Die Situation in Wuhan eskalierte im Januar 2020 rapide. Die Zahl der gemeldeten Fälle stieg exponentiell an, und die Krankenhäuser gerieten an ihre Belastungsgrenzen. Am 20. Januar 2020 bestätigten die chinesischen Behörden offiziell, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann – eine entscheidende Erkenntnis, die das immense Ausbreitungspotenzial des Erregers offenbarte.
Als Reaktion auf die sich verschärfende Lage ergriff die chinesische Regierung eine drastische Maßnahme: Am 23. Januar 2020 wurde Wuhan praktisch von der Außenwelt abgeriegelt. Der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt, Flug- und Zugverbindungen gekappt, und die Bewohner wurden angewiesen, zu Hause zu bleiben. Dieser beispiellose Lockdown, der später auf die gesamte Provinz Hubei ausgeweitet wurde, sollte die weitere Verbreitung des Virus innerhalb Chinas und über die Landesgrenzen hinaus stoppen.
Die globale Ausbreitung beginnt
Trotz der Maßnahmen in China war es bereits zu spät, um eine globale Ausbreitung vollständig zu verhindern. Das Virus hatte schon vor dem Lockdown in Wuhan begonnen, sich international zu verbreiten, oft unbemerkt durch Reisende.
Der erste bestätigte Fall außerhalb Chinas wurde am 13. Januar 2020 aus Thailand gemeldet. Es handelte sich um eine Reisende aus Wuhan. In den folgenden Tagen und Wochen wurden immer mehr Fälle aus anderen Ländern gemeldet:
- Japan (15. Januar)
- Südkorea (20. Januar)
- Vereinigte Staaten (21. Januar)
- Vietnam, Singapur, Taiwan (in den Tagen danach)
Diese frühen Fälle außerhalb Chinas waren meist direkt mit Reisen aus Wuhan assoziiert. Sie zeigten, wie schnell sich ein Virus in unserer globalisierten Welt verbreiten kann.
Europa und Deutschland: Das Virus kommt näher
Auch Europa blieb nicht verschont. Der erste bestätigte Fall auf dem europäischen Kontinent wurde am 24. Januar 2020 in Frankreich gemeldet. Es handelte sich um Personen, die aus China zurückgekehrt waren.
Kurz darauf erreichte das Virus auch Deutschland. Am 27. Januar 2020 wurde der erste deutsche COVID-19-Fall offiziell bestätigt. Betroffen war ein Mitarbeiter der Firma Webasto im Landkreis Starnberg, Bayern. Dieser Fall war insofern bemerkenswert, als die Infektion nicht direkt in China stattfand, sondern in Deutschland selbst. Der Mann hatte sich bei einer chinesischen Kollegin angesteckt, die zu einer Schulung nach Deutschland gereist war und erst nach ihrer Rückkehr nach China Symptome entwickelte und positiv getestet wurde. Sie hatte sich mutmaßlich bei ihren Eltern in Shanghai infiziert, die kurz zuvor Besuch aus Wuhan hatten.
Dieser erste Fall in Deutschland löste eine intensive Kontaktpersonennachverfolgung aus und führte zur Identifizierung eines der ersten bekannten Übertragungscluster außerhalb Asiens. Mehrere weitere Mitarbeiter von Webasto und deren Angehörige infizierten sich. Die schnelle Reaktion der bayerischen Gesundheitsbehörden und des Robert Koch-Instituts (RKI) trug dazu bei, diesen frühen Ausbruch zunächst einzudämmen.
Doch dies war nur der Anfang. In den folgenden Wochen, insbesondere Ende Februar und Anfang März 2020, kam es zu größeren Ausbrüchen in verschiedenen Teilen Europas, prominentestes Beispiel war Norditalien. Auch in Deutschland stieg die Zahl der Fälle, oft zurückzuführen auf Reiserückkehrer aus Risikogebieten (wie eben Italien oder auch Ischgl in Österreich) oder auf lokale Übertragungsketten, wie beim Karneval im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen.
Von der Epidemie zur Pandemie: Die WHO reagiert
Angesichts der rasanten globalen Ausbreitung und der steigenden Fallzahlen in immer mehr Ländern beobachtete die Weltgesundheitsorganisation die Situation mit großer Sorge. Bereits am 30. Januar 2020 erklärte die WHO den Ausbruch von SARS-CoV-2 zur „Gesundheitlichen Notlage von internationaler Tragweite“ (Public Health Emergency of International Concern, PHEIC). Dies ist die höchste Alarmstufe der WHO, die signalisiert, dass ein außergewöhnliches Ereignis vorliegt, das durch die internationale Ausbreitung von Krankheiten eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit anderer Staaten darstellt und eine koordinierte internationale Reaktion erfordert.
Diese Erklärung war jedoch noch nicht die Ausrufung einer Pandemie. Eine Pandemie bezeichnet eine weltweite Epidemie, also eine Krankheit, die sich über Länder und Kontinente hinweg ausbreitet und eine große Anzahl von Menschen betrifft. Die WHO zögerte zunächst mit diesem Begriff, auch um keine unnötige Panik zu schüren.
Doch die Entwicklung ließ sich nicht aufhalten. Als klar wurde, dass das Virus sich nicht mehr nur durch importierte Fälle, sondern durch anhaltende lokale Übertragungen in vielen Regionen der Welt verbreitete, zog die WHO am 11. März 2020 die Konsequenz: Generaldirektor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte COVID-19 offiziell zur Pandemie.
Er betonte dabei, dass die Verwendung des Begriffs „Pandemie“ nichts an der Einschätzung der Bedrohung durch das Virus ändere und auch nichts daran, was die WHO und die Länder tun sollten. Es war jedoch ein klares Signal an die Welt, dass die Bedrohung global war und eine noch intensivere und koordinierteste Reaktion erforderte.
Die Schwierigkeit, den „wahren“ Anfang zu finden
Zusammenfassend lässt sich sagen: Der offizielle, dokumentierte Beginn der COVID-19-Ereignisse liegt Ende Dezember 2019 mit der Meldung der Fälle aus Wuhan. Die wissenschaftliche Identifizierung des Virus erfolgte Anfang Januar 2020. Die globale Ausbreitung begann im Januar 2020, und die Pandemie wurde im März 2020 ausgerufen.
Der tatsächliche biologische Beginn – der Moment, in dem SARS-CoV-2 zum ersten Mal erfolgreich von einem Tier auf einen Menschen übersprang und begann, sich anzupassen und zu verbreiten – liegt jedoch wahrscheinlich weiter zurück, im Herbst 2019. Wann und wo genau dies geschah und wer der erste infizierte Mensch war, lässt sich möglicherweise nie mit letzter Sicherheit klären.
Das liegt in der Natur neu auftretender Viren:
- Unbemerkter Start: Die ersten Infektionen verlaufen oft mild oder asymptomatisch und werden nicht erkannt.
- Verwechslung: Frühe Fälle können leicht mit bekannten Krankheiten wie Grippe verwechselt werden.
- Zeitliche Verzögerung: Es dauert, bis sich ein Muster häufender, ungewöhnlicher Krankheitsfälle abzeichnet und erkannt wird.
- Diagnostische Hürden: Ohne Kenntnis des neuen Erregers gibt es keine spezifischen Tests.
Die Frage „Wann hat Corona angefangen?“ führt uns also zu einer Zeitspanne. Der Herbst 2019 markiert wahrscheinlich den biologischen Ursprung und den Beginn der unbemerkten Zirkulation. Ende Dezember 2019 / Anfang Januar 2020 markiert den Zeitpunkt, an dem der Ausbruch erkannt, der Erreger identifiziert und die Weltöffentlichkeit informiert wurde. Der Januar 2020 sah den Beginn der globalen Ausbreitung, und der März 2020 brachte die offizielle Anerkennung des pandemischen Ausmaßes.
Die Ereignisse rund um den Jahreswechsel 2019/2020 waren der Auslöser für eine globale Krise, die das Leben von Milliarden Menschen nachhaltig veränderte. Die Spurensuche nach dem genauen Anfangspunkt geht weiter, nicht nur aus historischem Interesse, sondern auch, um besser zu verstehen, wie Pandemien entstehen und wie wir uns in Zukunft besser darauf vorbereiten können.
